Jonas Berger schreibt über den Wunsch nach Nähe und den Impuls, ihr zu entkommen. Sein Roman verbindet persönliche Erfahrungen mit Fiktion. Im schriftlichen Interview erzählt er, was ihm hilft, sich besser zu verstehen, ohne die Verantwortung für sein Verhalten abzugeben.
Von François Matthey, ADHwaS
Dieses Porträt beruht auf dem schriftlichen Interview mit Jonas Berger vom 9. Oktober 2026. Die Antworten wurden ausgewählt, gekürzt und zu einem zusammenhängenden Text verbunden. Es fand keine Begegnung vor Ort statt.
„Ich bin nie gegangen, weil ich weg wollte. Ich bin gegangen, weil in mir etwas zu laut wurde, um zu bleiben.“ So beschreibt Jonas Berger rückblickend ein Muster, das er in seinen Beziehungen erkannt hat. Nähe war gewünscht. Trotzdem konnte der Rückzug schneller sein als das Gespräch darüber, was gerade schwer wurde.
Beim Lesen über ADHS habe er frühere Trennungen neu verstanden, schreibt er. Die Einsicht habe den Schmerz aber nicht beseitigt. Scham sei geblieben. Manche Fragen seien offen, auch die nach dem Ende einer Beziehung. Dazu gebe er keine Theorie ab. Verständnis bedeutet für ihn offenbar auch, eine Lücke stehen zu lassen.
Jonas Berger ist ein Pseudonym. Sein Buch „Warum ich gehe, wenn ich bleiben will: Ein Mann, ADHS und das, was acht Beziehungen mich über die Liebe lehrten“ ist ein Roman, inspiriert von wahren Erlebnissen. Namen, Orte, Berufe und Zeitabläufe sind verfremdet; einzelne Figuren, Szenen und Handlungsstränge frei erfunden. Seine Antworten öffnen deshalb keinen ungefilterten Zugang zu den Menschen hinter der Geschichte. Sie zeigen seine Perspektive und das, was er davon erzählen möchte.
ADHS gehört für Jonas schon zur Kindheitsgeschichte. Dabei widerspricht er ausdrücklich der Vorstellung, die damalige Diagnose sei ohne hilfreiche Folgen geblieben. Es gab Ergotherapie, autogenes Training, eine Elternschulung und Medikation. Die Hausaufgaben wurden kürzer, das Schimpfen seltener. Die Ruhe durch die Tablette habe er zugleich als angenehm und befremdlich erlebt. Mit sechzehn setzte er sie ab; ob das klug war, lässt er offen.
Was ihm trotz dieser Unterstützung fehlte, beschreibt er als eine Sprache für sein eigenes Erleben. Vieles zielte darauf, im Schulalltag zurechtzukommen. Wie Überforderung sich später in Beziehungen zeigen könnte, habe ihm niemand erklärt. „Gebraucht hätte ich jemanden, der mit mir spricht und nicht über mich.“
Auch die Veränderung seines Körpers löste die Fragen an sich selbst nicht einfach auf. Nach eigener Aussage nahm Jonas in gut anderthalb Jahren über vierzig Kilo ab. Menschen reagierten freundlicher, Komplimente erreichten ihn trotzdem kaum. „Ich hatte den Körper renoviert und wohnte immer noch im selben Kopf.“ Äussere Veränderung und inneres Selbstbild bewegten sich in seiner Schilderung nicht im gleichen Tempo.
Ähnlich weit konnten Aussenwirkung und Erleben im Beruf auseinanderliegen. In seinen Antworten verweist Jonas auf Buchpassagen, in denen er zuverlässig arbeitet, Witze erzählt und in Besprechungen sitzt, während ihn innerlich Belastungen beschäftigen. Der funktionierende Alltag war kein verlässlicher Ausdruck dafür, wie es ihm ging. Sein Buch handelt, wie er betont, von Beziehungen. Diese Passagen machen aber sichtbar, wie wenig andere von einer Überforderung mitbekommen können.
Dass Jonas heute Muster erkennt, macht die Folgen seines Verhaltens für ihn nicht kleiner. „Das ADHS hat nicht gelogen, ich habe gelogen.“ Der Satz steht nach seiner Auskunft im Kapitel über die Diagnose. Im Interview folgt darauf: „Eine Diagnose nimmt mir keine Verantwortung ab. Sie zeigt mir nur, an welchen Stellen ich sie tragen muss.“
Damit hält er zwei Dinge zusammen: die Suche nach einer Erklärung und das Eingeständnis, andere verletzt zu haben. Das Kapitel über eine Lüge habe er lange vor sich hergeschoben. Gerade dort könne er niemand anderem die Schuld geben. Ein anderer Name auf dem Buch helfe an dieser Stelle nicht.
Auch Schweigen betrachtet er inzwischen genauer. Nach einem Wochenende, an dem er wieder nichts ausgesprochen hatte, habe er im Zug Erleichterung gespürt und sich dafür geschämt. Heute sei dieses Gefühl für ihn ein Warnzeichen. Die Frage dahinter: Wird ein Gespräch vermieden, um die andere Person zu schonen, oder weil es für ihn selbst unbequem wäre?
Von einer Trennung per Nachricht erzählt er ausdrücklich als Vorgang im Buch. „Eine Trennung per Nachricht ist ein Kredit. Man spart sich zehn Minuten Mut und zahlt jahrelang Scham-Zinsen.“ Das ist seine persönliche Bilanz. Sie macht aus einem kurzen Moment des Ausweichens etwas, das in seiner Erinnerung lange nachwirkt.
Seine Gedanken zum Bleiben sind dabei kein allgemeiner Beziehungsrat. Jonas unterscheidet selbst zwischen Ausweichen und notwendigem Gehen. Aus redaktioneller Sicht ist diese Grenze wesentlich: Niemand muss in einer belastenden oder bedrohlichen Beziehung bleiben oder ein persönliches Treffen suchen, um Mut oder Liebe zu beweisen. Jonas beschreibt seinen Umgang mit Nähe und Konflikten. Daraus folgt keine Erklärung für sämtliche Beziehungsschwierigkeiten durch ADHS.
Wie sorgfältig Jonas zwischen seinem Anteil und dem Leben anderer unterscheiden möchte, zeigt sich auch beim Thema Eifersucht. Er beschreibt ein Misstrauen, das sich an der Vergangenheit einer Partnerin festgesetzt habe. Sie habe offen erzählt; er habe die Geschichten innerlich nicht mehr abschalten können. Rückblickend sieht er darin vor allem etwas, das in ihm selbst arbeitete. Er erhebt keinen Vorwurf gegen sie.
Seine bildhafte Sprache lässt das Misstrauen wie einen Wachhund erscheinen, der erst lernen musste zu schlafen. Verschwunden sei es nicht. „Es sitzt heute am Katzentisch und bekommt nichts mehr serviert.“ Das Bild behauptet keine Heilung. Es beschreibt, welchen Platz er dem Gefühl heute geben möchte.
Beim Erzählen gilt für ihn eine weitere Grenze: „Was einem anderen Menschen gehört, lasse ich bei ihm.“ Das schützt auch frühere Partnerinnen vor dem Anspruch, ihre Geschichte aus seiner Darstellung vollständig erklären zu können.
Besonders ausdrücklich wird er bei seinem Vater. Jonas beschreibt dessen Zuneigung als eine Sprache der Taten, die er erst nach und nach zu lesen gelernt habe. Ob Schreiben oder Veröffentlichung ihr gegenseitiges Verständnis verändert haben, beantwortet er nicht. Seinen Vater zu erklären, stehe ihm nicht zu. Diese Grenze gehört zu seiner Antwort. Sie verlangt keine Deutung darüber, was unausgesprochen bleibt.
Selbstverständnis bekommt bei Jonas eine praktische Seite. Er will vorher erkennen, an welchen Stellen er ins Wanken gerät. Für sich hat er Regeln gesetzt: Nach Mitternacht trifft er keine Entscheidungen und schreibt keine Nachrichten. Weitreichende Sätze lässt er achtundvierzig Stunden liegen. Diese Absprachen mit sich selbst sollen zwischen Impuls und Handlung Zeit schaffen.
Dass eine Erkenntnis allein nicht genügt, beschreibt er auch anhand seiner Geldgeschichte. In seinen Antworten erzählt er von riskanten Börsengeschäften und Verlusten. Rückblickend deutet er die Suche nach dem nächsten Einsatz als Suche nach Anspannung. Heute setzt er auf feste Strukturen und einen bewusst unspektakulären Sparplan. Zugleich räumt er ein, dass sich das Muster später in milderer Form wiederholt habe. Seine Geschichte endet nicht mit der Behauptung, nun gegen alte Muster gefeit zu sein.
Wie eine andere Reaktion aussehen kann, schildert Jonas anhand einer Szene aus dem letzten Kapitel vor dem Epilog. Er habe einen von seiner Partnerin vorbereiteten Samstagsplan spontan umgeworfen. Im anschliessenden Konflikt sei der vertraute Reflex da gewesen, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. In der Romanszene bleibt er stattdessen stehen und sagt: „Das überfordert mich gerade, und ich weiß nicht, warum, und ich will trotzdem hierbleiben.“
Jonas gibt im Interview auch die Antwort der Partnerin aus dieser Szene wieder: „Okay. Dann bleib. Ich mach uns einen Kaffee.“ Später folgt eine konkrete Entschuldigung dafür, ihren Tag ohne Rücksprache verändert zu haben. Das Aussprechen seiner Überforderung ersetzt die Entschuldigung nicht. Es macht ein Gespräch möglich, in dem sein Erleben und die Folgen für die andere Person nebeneinander Platz haben.
Halt findet Jonas nach eigener Auskunft heute in festen Abläufen und in Menschen, die geblieben sind. Er nennt den Kaffee für seine Partnerin und den Tee für sich, den Sonntagskaffee mit der Familie, seinen Hund, das Laufen und das Motorrad. Ob eine Beschäftigung ihm guttut, prüft er daran, wie es ihm danach geht, ob anderes noch Platz hat und ob ihm die Zeit entgleitet.
Was sich durch seine Antworten zieht, ist der Versuch, früher zu sagen, was in ihm vorgeht. Zweifel und alte Muster bleiben sichtbar. Zugleich möchte er seinen Anteil genauer benennen und sich für schwierige Momente ein Geländer bauen. Das Bild von Ruhe, das er dafür findet, ist entsprechend unspektakulär: „Frieden ist für mich kein Feuerwerk. Frieden ist, dass der Wasserkocher wieder ganz normal klickt.“
Jonas Berger und sein Buch: Jonas Berger veröffentlicht unter Pseudonym. „Warum ich gehe, wenn ich bleiben will: Ein Mann, ADHS und das, was acht Beziehungen mich über die Liebe lehrten“ ist ein Roman, inspiriert von wahren Erlebnissen. Dieses Porträt gibt seine schriftlichen Interviewaussagen und seine Beschreibungen des Romans wieder. Buch und Porträt ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.