François Matthey
Gründer ADHwaS · Verstehen statt Reparieren
Manchmal findet man die treffendste Beschreibung von etwas an einem Ort, an dem man sie nie gesucht hätte. Vor ein paar Tagen ist mir ein Ratgeber von 2007 in die Hände gefallen: „Endlich Rose statt Mimose“. Ein klassisches Lebenshilfe-Buch über Dünnhäutigkeit und innere Stärke. Die Begriffe ADHS, Neurodivergenz oder Rejection Sensitive Dysphoria – kurz RSD – kommen darin kein einziges Mal vor. Und trotzdem beschreibt das Buch RSD so präzise, dass es mir beim Lesen kalt den Rücken runterlief.
Vor ein paar Tagen ist mir ein Ratgeber von 2007 in die Hände gefallen: „Endlich Rose statt Mimose“. Ein klassisches Lebenshilfe-Buch über Dünnhäutigkeit und innere Stärke. Die Begriffe ADHS, Neurodivergenz oder Rejection Sensitive Dysphoria – kurz RSD – kommen darin kein einziges Mal vor. Logisch: Den Begriff RSD gab es damals im deutschsprachigen Raum praktisch nicht.
Und trotzdem beschreibt das Buch RSD so präzise, dass es mir beim Lesen kalt den Rücken runterlief. Es benennt das Phänomen perfekt – und erklärt es gleichzeitig auf eine Weise, die uns heute vorsichtig machen sollte. Genau über diese zwei Seiten möchte ich mit dir reden.
Die Autorin erzählt von Iris. Iris ist auf einer Party. Sie bietet dem Gastgeber ihre Hilfe an. Er lehnt freundlich ab – und für Iris bricht etwas zusammen. Sie ist nicht einfach „kurz enttäuscht“. Sie fühlt sich sofort als Störfaktor, als jemand, der nicht gebraucht wird, als „zu nichts zu gebrauchen“.
Dann begrüsst ihre beste Freundin sie nicht als Allererste. Für Iris ist der Fall klar: Man erträgt sie nur aus Mitleid. Sie verlässt die Party früher und versinkt zu Hause auf dem Sofa in tiefer Niedergeschlagenheit.
Wenn du dich mit RSD auskennst, liest sich das wie ein Lehrbuch: die absolute Fokussierung auf zwischenmenschliche Bewertung. Das blitzschnelle Katastrophendenken. Das Rückzugsverhalten. Und der körperlich spürbare Einbruch danach. Die Autorin hat 2007 mit Iris ein Profil gezeichnet, für das die Forschung erst Jahre später einen Namen finden sollte.
Hier wird es wichtig, und hier bleibe ich ehrlich, wie du es von mir kennst.
Das Buch beschreibt das Erleben hervorragend. Aber es erklärt es anders, als wir es heute verstehen. Für die Autorin ist diese Dünnhäutigkeit fast ausschliesslich eine erlernte Gewohnheit – antrainiert durch prägende Erfahrungen, durch wenig Lob in der Kindheit, durch Misserfolge in der Schulzeit. Die Logik dahinter: Was gelernt wurde, kann man mit genug Disziplin auch wieder verlernen. Aus der „Mimose“ wird durch mentales Training eine „Rose“ mit dickem Fell.
Und ja – Prägung und Umfeld spielen tatsächlich eine grosse Rolle. Erst kürzlich hat die Forschung (Sandland, 2025) betont, dass RSD eben nicht nur „in dir“ entsteht, sondern stark vom Umfeld und von echten Ablehnungserfahrungen mitgeprägt wird. Insofern hatte die Autorin einen wahren Punkt erwischt.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Heute wissen wir: RSD ist zu einem grossen Teil neurobiologisch. Es ist eine schlagartige, oft körperliche Schmerzreaktion – kein bewusst gewählter Charakterzug. Und genau daraus ergeben sich zwei Grenzen des Buches, die ich dir nicht verschweigen will.
Erstens: die Geschwindigkeit. Eine RSD-Attacke trifft in Sekundenbruchteilen – noch bevor dein Verstand überhaupt eine Chance hat, etwas rational zu prüfen. Die klugen Denk-Werkzeuge des Buches sind schlicht zu langsam, um den ersten Treffer zu verhindern. Sie helfen danach, nicht davor.
Zweitens – und das ist mir das Wichtigste: die Gefahr der Invalidierung. Das Buch warnt streng vor Selbstmitleid und fordert viel Disziplin. Sinngemäss heisst es dort, Jammern bringe „nichts ausser verquollenen Augen“. Für jemanden, der gerade eine überwältigende, körperlich spürbare RSD-Attacke durchlebt, kann so ein Satz hart danebenliegen. Er suggeriert, die heftige Reaktion sei eine Entscheidung – oder Bequemlichkeit. Ist sie nicht. Und genau dieses „stell dich nicht so an“ haben viele von uns schon viel zu oft gehört.
Das ist der feine, aber entscheidende Unterschied zwischen dem Geist von 2007 und dem, wofür ADHwaS steht: Wir trainieren uns kein „dickes Fell“ an, indem wir uns selbst die Empfindlichkeit verbieten. Wir verstehen zuerst, was passiert – und begegnen uns mit Mitgefühl statt mit Disziplin-Druck.
Und jetzt das Schöne: Wenn wir den Erklärungsteil weglassen und nur die Werkzeuge nehmen, hat das Buch echte Schätze zu bieten. Es sind im Kern verhaltenstherapeutische und Coaching-Techniken – perfekt, um eine Attacke nachzubereiten und die Grübelspirale zu stoppen.
Drei davon, die auch in unserem Coaching auftauchen:
Wichtig bei allen dreien: Sie sind Werkzeuge für danach, nicht für den Moment des Treffers. Für den Akutmoment braucht es etwas anderes – benennen, 90 Sekunden abwarten, den Körper beruhigen. Beides zusammen ist stark.
„Endlich Rose statt Mimose“ hat RSD beschrieben, lange bevor wir es so nannten. Das Buch lag beim Was erstaunlich richtig – und beim Warum aus heutiger Sicht teilweise daneben.
Mein Vorschlag, wie du es liest: Nimm die Werkzeuge dankbar mit. Aber tausch die Haltung. Nicht „reis dich zusammen und werde eine Rose“. Sondern: Du bist keine Mimose und keine Charakterschwäche. Dein Nervensystem reguliert lauter – aus guten, oft erlernten Gründen. Und mit Verstehen, mit Mitgefühl und mit den richtigen Werkzeugen wird der Alltag spürbar leichter.
Du musst das nicht alleine verstehen.
Wenn du tiefer einsteigen willst: In unserem Gratis-Workbook „RSD verstehen & entlasten“ findest du einen Selbsttest, das komplette Akut-Toolkit und einen 7-Tage-Plan. Und wenn RSD bei dir zu oft am Steuer sitzt, findest du im ADHwaS-Fachnetzwerk Coaches, die auf ADHS und Neurodivergenz spezialisiert sind.
Weiterführende Angebote von ADHwaS
In unserem Gratis-Workbook findest du einen Selbsttest, das komplette Akut-Toolkit und einen 7-Tage-Plan, um RSD besser zu verstehen und den Alltag spürbar zu erleichtern.
Zum Gratis-WorkbookFrançois Matthey ist Gründer von ADHwaS, selbst mit ADHS diagnostiziert und seit über 30 Jahren im Bildungsbereich tätig. Er begleitet Erwachsene, Eltern und Fachpersonen mit ADHS und Neurodivergenz – mit dem Fokus auf Verstehen statt Reparieren.