François Matthey
Gründer ADHwaS · Verstehen statt Reparieren
Stell dir dein Gehirn wie einen Türsteher vor. Einen grossen, professionellen Türsteher, der vor einem Club arbeitet. Seine Aufgabe ist klar: Filtern. Nur das reinlassen, das gerade relevant ist. Das ADHS-Gehirn hat einen Türsteher, der gerade massiv überfordert ist. Und das erklärt mehr als jede klinische Definition.
Wenn Reize, Aufgabenstart, Zeitgefühl oder leere Energie deinen Alltag belasten, findest du in unserem Überblick ADHS im Alltag passende Strategien und einen kleinen nächsten Schritt.
Du sitzt in einem Coffee Shop. Es gibt hunderte von Reizen: das Klicken von Tasten am Nebentisch, das Dampfgeräusch der Espressomaschine, das Gespräch hinter dir. Ein normaler Türsteher sagt: «Okay, der Fokus ist jetzt auf die Aufgabe: Diese E-Mail schreiben. Alles andere: Draussen.» Das nehmen neurotypische Menschen als selbstverständlich.
Jetzt stell dir denselben Türsteher vor. Aber der Club ist übervoll. Die Türsteher sind unterbesetzt. Hundert Menschen wollen gleichzeitig rein. Der Türsteher kann nicht mehr Nein sagen. Das ist ein ADHS-Gehirn.
Das Klicken am Nebentisch ist genauso laut und relevant wie die E-Mail vor dir. Das Gespräch hinter dir konkurriert mit deinem Fokus. Das ist nicht Ablenkung im klassischen Sinne. Das ist, dass der Türsteher die Tür nicht halten kann.
Dein Gehirn hat eine begrenzte Verarbeitungskapazität. Wenn hundert Inputs gleichzeitig verarbeitet werden müssen, ist das System schnell am Limit. Das fühlt sich an wie Chaos. Wie Lärm im Kopf. Ein Arbeitstag mit zu vielen Inputs endet nicht damit, dass ich müde bin. Es endet damit, dass ich emotional überwältigt bin.
Wenn der Türsteher nicht mehr kann, passiert eins von zwei Dingen. Shutdown: Das Gehirn sperrt zu. Du wirst plötzlich lethargisch. Es sieht aus wie Faulheit. Aber das System schützt sich. Explosion: Das Gehirn explodiert. Wut, Unruhe, du kannst nicht sitzen bleiben. Beides sieht von aussen falsch aus. Die Antwort ist immer dieselbe: Der Türsteher ist überfordert.
Hier ist etwas Interessantes: Der überflutete Türsteher hat auch ein anderes Gesicht. Wenn der richtige Task kommt – der dich wirklich interessiert – dann kann der Türsteher alles andere ausblenden. Komplett. Du kannst 10 Stunden arbeiten, ohne Hunger oder Müdigkeit zu bemerken.
Das zeigt: Dein Gehirn kann fokussieren. Aber die Fähigkeit ist nicht konsistent – sie hängt von Interesse und Dopamin ab, nicht von Willenskraft.
Dein Gehirn ist nicht kaputt. Der Türsteher ist überfordert. «Ich bin nicht falsch. Mein Gehirn ist anders.» Das ist der Moment, wo Veränderung beginnt.
Weiterführende Angebote von ADHwaS
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Zum ErwachsenenkursFrançois Matthey ist Gründer von ADHwaS. Verstehen statt Reparieren.